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Zwangsstörungen: nicht unterdrückbare, sich wiederholende Handlungen
Zwangsstörungen: nicht unterdrückbare, sich wiederholende Handlungen

Bei einer Zwangsstörung drängen sich wiederholt Gedanken, Handlungen oder Handlungsimpulse gegen den eigenen Willen auf. Diese werden zwar als unsinnig erkannt, führen aber zu einer unerträglichen Angst und Anspannung, wenn dem Zwang nicht Folge geleistet wird.

Eine bekannte Zwangsstörung ist beispielsweise der Waschzwang. Dabei kann schon das Anfassen einer Türklinke ausreichen, dass sich der Betroffene oft stundenlang die Hände wäscht, z.B. aus Angst vor Bakterien oder AIDS. Andere häufige Zwangsstörungen sind Kontroll-, Wiederholungs-, Zähl- oder Ordnungszwänge.

Nicht jede zwanghafte Verhaltensweise ist gleich als Zwangsstörung zu werten: Jeder kennt, dass man sich beim Verlassen des Hauses fragt, ob man den Herd auch tatsächlich ausgeschaltet hat, obwohl man eigentlich weiss, dass man den Herd immer ausschaltet. Vorsichtshalber geht man dann doch zurück, um nachzuschauen. Erst wenn solche Verhaltensweisen ein derartiges Ausmass annehmen, dass der Betroffene darunter leidet oder der Alltag beeinträchtigt ist, spricht man von einer krankhaften Zwangsstörung.

Nach heutigem Wissen spielen mehrere Faktoren bei der Entstehung von Zwangsstörungen eine Rolle. Dazu gehören:

  • Erbliche Vorbelastung
  • Stoffwechselstörungen im Gehirn, vor allem des Botenstoffes Serotonin
  • Psychologische und soziale Faktoren: Psychische Belastungen wie z.B. traumatische Kindheitserlebnisse oder andere Lebenskrisen beziehungsweise Probleme im Umgang mit Gefühlen und ihrer Verarbeitung, Erziehung zu übertriebener Reinlichkeit und Ängstlichkeit, Persönlichkeitsstruktur und andere. 

Etwa 1 bis 2% der Bevölkerung leiden unter Zwangsstörungen. Oft treten erste Symptome bereits in der Kindheit oder Jugend auf; Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen.

Man unterscheidet Zwangshandlungen, Zwangsgedanken und Zwangsimpulse.

Zwangshandlungen sind Handlungen, die ständig wiederholt werden müssen wie ein Ritual. Sie werden meist vom Betroffenen selber als unsinnig und quälend erlebt und dennoch müssen sie ausgeführt werden. Beispiel: "Ich muss das Haus jeden Tag von oben bis unten putzen, sonst passiert ein Unglück".

Häufige Zwangshandlungen sind: Waschzwang, Putzzwang, zwanghaftes Kontrollieren, zwanghaftes Ordnen, Zählzwang oder Buchstabierzwang, zwanghaftes Nachfragen und andere zwanghafte Rituale

Dabei spielt Angst eine zentrale Rolle. Werden die Zwangshandlungen nicht durchgeführt, so kommt es zu unerträglicher Angst oder Anspannung.

Zwangsgedanken sind Ideen, Gedanken oder Vorstellungen, die sich dem Betroffenen aufdrängen. Besonders Gedanken, die im Gegensatz zur Situation stehen, sind häufig. Ein Beispiel: zwanghaftes Aufdrängen gotteslästerlicher Worte in der Kirche oder der Zwang, bei besonders feierlichen Anlässen aufzuspringen und ordinäre Beschimpfungen von sich geben zu müssen.

Zwangsimpulse sind Handlungsimpulse, die sich immer wieder aufdrängen. Die Betroffenenen stehen in ständiger Angst, diese Handlungen auch tatsächlich auszuführen, was sie aber nur sehr selten tun. Als Beispiel sei der Impuls, das eigene geliebte Kind zu verletzen oder zu töten, genannt. Zwangsimpulse haben oft auch sexuelle oder aggressive Inhalte (meist gegen sich selbst gerichtet).

Zwangsstörungen: Gespräche mit dem Arzt führen zur Diagnose
Zwangsstörungen: Gespräche mit dem Arzt führen zur Diagnose

Im Arzt-Patienten Gespräch kann der Facharzt (Psychiater) Anzeichen für eine Zwangsstörung erfragen. Entscheidend für die Diagnose ist, dass der Zwang mit einer deutlichen Beeinträchtigung im Alltag verbunden ist und der Betroffene darunter leidet.

Es wurden verschiedene Fragebögen zur Diagnose entwickelt.

Folgende sechs einfache Fragen können bereits wichtige Hinweise geben:

  • Waschen oder reinigen Sie sich häufig?
  • Überprüfen beziehungsweise kontrollieren Sie häufig?
  • Gibt es Gedanken, die Sie beunruhigen oder die Sie gerne loswerden möchten, aber nicht abschütteln können?
  • Beschäftigen Sie sich mit Ordentlichkeit und Symmetrie?
  • Benötigen Sie längere Zeit, um Ihre täglichen Verrichtungen auszuführen?
  • Sind bestimmte Aktivitäten infolge Ihres (Zwang-)Verhaltens nicht mehr möglich?

Ausschluss anderer Ursachen:

  • Andere psychische Erkrankung (z.B. Schizophrenie oder schwere Depression).
  • Neurologische und körperliche Untersuchungen zum Ausschluss körperlicher Ursachen (z.B. Tourette-Syndrom oder auch Tic-Störung genannt)
  • Drogenmissbrauch
Zwangsstörungen: Medikamente und Psychotherapie
Zwangsstörungen: Medikamente und Psychotherapie

Zwangsstörungen können mit einer Kombination aus psychotherapeutischen Methoden und medikamentöser Therapie erfolgreich behandelt werden.

Psychotherapie

Hier hat sich die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie bewährt: Im ersten Schritt werden Zwangsgedanken und Zwangshandlungen und die Situationen, in denen sie auftreten, analysiert. Danach wird der Patient schrittweise mit der angstauslösenden Situationen konfrontiert, wobei er die Zwangshandlungen unterdrückt. Damit soll er die Erfahrung machen, dass die befürchteten Folgen ausbleiben, z.B. das Anfassen schmutziger Gegenstände nicht zu einer Erkrankung führt. Zusätzlich kann auch autogenes Training helfen.

Wichtig ist, Freunde und Familie mit einzubeziehen, um dem sozialen Rückzug und der Isolation entgegenzuwirken.

Medikamente

Zum Einsatz kommen Medikamente, die auch zur Behandlung der Depression eingesetzt werden, vor allem die SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Zu beachten ist, dass die Wirkung erst nach einigen Wochen einsetzt.

Eine Zwangsstörung verläuft meist chronisch, wobei Betroffene dadurch immer mehr im Alltag beeinträchtigt sind. Vor allem deshalb, weil Zwangshandlungen und -rituale so viel Zeit in Anspruch nehmen können. Andere Aktivitäten kommen dadurch zu kurz. Mögliche Folgen: sozialer Rückzug und Isolation. Es kann auch zu körperlichen Schäden kommen, z.B. Ekzeme durch zwanghaftes Händewaschen. Die Zwangsstörung kann in manchen Fällen sogar so stark ausgeprägt sein, dass der Betroffene den Selbstmord als einzigen Ausweg sieht.

Je früher der Behandlungsbeginn erfolgt, desto besser sind die Heilungschancen!

Professionelle Hilfe wird notwendig. Falsche Schamgefühle oder das Verheimlichen, verschlimmern das Leiden nur. Mit entsprechender Behandlung kann eine Zwangsstörung gut angegangen und ein grosses Stück Lebensqualität zurückgewonnen werden.

Dr. med. Gerhard Emrich

Gerhard Emrich hat in Wien Medizin studiert. Er ist Medizinjournalist mit langjähriger Erfahrung in medical writing.

Doris Zumbühl

Doris Zumbühl ist diplomierte Medizinische Praxisassistentin. Sie verfügt über mehrere Weiterbildungen in den Bereichen Journalismus, IT und Bildbearbeitung.
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